ZEIT IST IN TRÄUMEN SONDERBAR at Bistro21, Leipzig, 2017

IT DEPENDS at Kunstverein Rostock, 2017

JONA at Kunstverein Bad Doberan, 2017

Schnelllebigkeit, Überforderung, Unverbindlichkeit, Selbstverwirklichung, Oberflächlichkeit

 


Schlagwörter die den Zeitgeist der jungen Generation erfassen wollen.
Ramona Schacht, die in Leipzig studierende Fotografin ist 1989 geboren.  Sie ist Teil dieser Generation und beschäftigt sich in ihrer Fotografie mit jenen Phänomenen. Dabei geht es ihr im Besonderen um deren Wirkungsweisen auf zwischenmenschlicher Beziehungen.
Noch nie zuvor standen jungen Menschen so viele Möglichkeiten offen wie heute. "Jung zu sein scheint ein hartes Los zu sein, vor allem wenn man diese Lebensphase in einer westlichen Großstadt im 21. Jahrhundert durchleben muss“, sagt sie.
Über Millennials, liest man häufig Artikel, die paradoxerweise Arbeitsscheue und Unentschlossenheit ebenso beklagen wie Karrierefixierung und den Drang zur Selbstoptimierung. Wie also leben junge Menschen heute und wie wollen sie gemeinsam zukünftig leben?
Das ist die übergreifende Frage die sich Schacht in ihrer Arbeit stellt.
Sie beobachtet und ergründet, wie zwischenmenschliches Leben konkret funktioniert — in Partnerschaften und in der Gemeinschaft — welche Beziehungsformen es heute gibt und wie diese Beziehungen geführt werden. Welche Veränderungen lassen sich in unserem Zusammenleben spürbar wahrnehmen und auf welche Art und Weise sind diese von der neuen digitalen Kommunikation beeinflusst?
In ihrer Fotografie arbeitet Schacht vor allem mit Porträts in denen sich zwischenmenschliche Nähe untersucht, wie in ihrer Serie Jona. Hier stellt sie die Frage inwieweit wir bereit sind Intimität zu offenbaren und wie sich diese in der Fotografie zeigen lässt. So wird der fotografische Prozess zu einem Miteinander, indem sich ihre voyeuristische Position als Fotografin auflöst.
Beziehungen und Formen des Zusammenlebens werden in ihrer Serien Es kommt darauf an und Zeit ist in Träumen sonderbar oder in ihrer Videoarbeit Wie es sich in die Haut drückt thematisiert.
Schacht arbeitet meist mit Fotografie oder Videos, die aus ihren Fotografien hervorgehen, diese entstehen sowohl analog als auch digital.
Ihre Bilder lassen sie sich in ihren Ausstellungspräsentationen gegenseitig kommentieren, bringen die Arbeiten in immer wieder neue Kontexte miteinander und schaffen eine Gegenüberstellung der unterschiedlichen Themen ihrer Werke.
Formal arbeitet sie mit den gleichen Motiven in unterschiedlichen Formaten und hängt gerahmte Fotografien Damit schafft sie auch innerhalb einer Arbeit eine Gegenüberstellung der einzelnen Fotos die den Betrachter zu einer intensiveren und differenzierten Auseinandersetzung anregen.
Ramona Schachts ältere Fotoserien, zeigen Arbeiterporträts bei denen sie die Mensch von außen in ihrem Arbeitsumfeld wahrgenommen hat. Ihre aktuellen Arbeiten haben nun einen deutlichen Fokus auf intimere Situationen und die Dokumentation zwischenmenschlicher Beziehungen und Lebensweisen.
Ihre Position als Fotografin hat sich dabei weg von einer voyeuristischen Beobachterin, hin zu einem wichtigen konzeptionellen Element ihrer Fotografie entwickelt, bei dem sie Teil der Intimsphäre ihrer Modelle wird.

Interesse am Menschen


In Ramona Schachts Arbeiten spielt das menschliche Porträt schon seit ihrer Studienzeit eine wichtige Rolle. Sei es in der Zeichnung, Malerei oder in der Fotografie. Besonders eingeprägt sind S/W-Fotografien aus den Serien Menschenbilder oder Horst kommt, in den sie Personen in ihrem Arbeitsumfeld und ihrer landschaftlichen Verwurzelung zeigt. Sie sind berührend, nah, ohne Schnickschnack, aber mit tiefem Einblick in das Lebenswerk der Porträtierten, das sich in ihren in die Kamera blickenden Gesichtern und der sie umfassenden Szenerie zeigt. Nach ihrem Wechsel nach Halle und dann nach Leipzig haben sich ihre Fotografien verändert: es gibt nicht mehr ausschließlich Einzelporträts, die Bewegung wird Bildelement, sie konzentriert sich auf die Farbfotografie und verwendet z. T. deutlich größere Formate. Die Fotografien zeigen nun ihr Interesse am Menschen als soziales Wesen, Nutzung, die Abkehr von der vielleicht zu starr konservierenden S/W-Fotografie und die Bewegungsunschärfe als zulässiger Teil des Dokumentierens und als bildästhetisches Moment. Ramona Schacht untersucht fotografisch Themen ihrer Generation, die auch „Generation Maybe“ genannt wird. Einsamkeit wird sichtbar, Unverbindlichkeit, Offenheit. Sie weist auf Beziehungsmodelle hin, die das Zusammenleben neu ausrichten, menschliche Möglichkeiten aber auch herausfordern. In den Serien wie „Die Selbstverwaltung des Begehrens I und II“ oder „Jona“, Arbeiten aus letztgenannter Serie sind hier zu sehen, zeigt sie nicht mehr das idealisierte, auf das Gesicht konzentrierte, möglichst auf die Kamera frontal ausgerichtete Porträt in einer repräsentativen Umgebung. Es geht mehr um Kehrseiten, Häuslichkeiten, Intimität. Ihre Protagonisten werden aus allen Winkel aufgenommen, im Ganzkörperporträt sichtbar oder ungewöhnlich angeschnitten. Während ihrer Aufnahmen leuchtet sie ihre Modelle nicht aus, sie schafft eine vertraute Atmosphäre, sie dokumentiert sie in einer häuslichen Umgebung, lässt Intimität und Schamgrenzen zu. In der Ausstellungspräsentation hängt Ramona Schacht zuweilen ein und dasselbe Motiv im Großformat neben ein Standardformat, um auch die Erwartungshaltung des Betrachters an das Zusammenspiel von Inhalt/Grad der Intimität und einer Angemessenheit der Bildgröße zu hinterfragen.

Nora Bock, 2017

Susanne Pappenfuß,2016